Zeitgemäßes Elternsein: nirgendwo zwischen „Frauen zurück an den Herd“ und „möglichst früh zurück in die Erwerbstätigkeit“

Kinder haben das Recht auf Eltern mit Entscheidungsfreiheit.

Ich bin Mutter meines 15 Monate alten Sohnes, studierte Pädagogin und gelernte Waldorfkindergärtnerin, ausgebildete Mediatorin, Spielgruppenleiterin, Hobbymelkerin, irgendwo innen drinnen Anthropologin, Schafhalterin, Hausfrau, Freundin, Ehefrau und vor allem ein ICH in Entwicklung sowieso. Vorrangig und nach außen am besten benennbar leiste ich Erziehungsarbeit und klassische Care-Tätigkeiten, die damit in Verbindung stehen. Sprich kochen, putzen, Wäsche waschen, Ordnung machen. Und mein Geld nach Bezug des Kinderbetreuungsgeldes sehr zufrieden mit Spielgruppen leiten verdienen.

Ich möchte in diesem Artikel einen Vorschlag skizzieren, was zeitgemäßes Elternsein bedeuten kann.

Der politische Diskurs wie mit Elternschaft und Erwerbsarbeit um zu gehen sei bewegt sich auf einem Kontinuum zwischen zwei Extremen.
Das eine Extrem wäre politisch konservativ bis einschlägig rechts und biologistisch angehaucht. Es meint die ursprüngliche, quasi angeborene Aufgabe der Frau im Haus mit den Kindern, das Feld des Mannes draußen in der Erwerbsarbeitswelt. Er bringt das Geld, sie versorgt Haus und Kinder, hält die Stube warm. Manche Kreise würden diese Position noch mit der so genannten weiblichen Qualität und natürlichen Berufung einer jeden richtigen Frau erklären.

Die entgegengesetzte Position – aus emanzipatorischen Gesichtspunkten motiviert – sieht vor, der Frau alle Chancen offen zu halten, die auch dem Mann in unserer Gesellschaft bereit stehen: berufliche Entwicklung und Karriere in der Arbeitswelt. Frau soll dadurch unabhängig und befreit aus patriarchalen Zwängen und Unterdrückungsmechanismen sein. Denn sie bringt zwar das Kind zur Welt und fällt daher kurz aus, kann aber rasch wieder raus in die Welt, denn der Staat kümmert sich in öffentlichen und leistbaren bis kostenlosen Kinderbetreuungseinrichtungen um die Erziehung und Pflege. Dass frau allerdings immer noch nicht die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt hat sei hiermit erwähnt, aber nicht Thema dieses Artikels.

Ich möchte mich mit diesem Artikel nicht irgendwo in diesem Spektrum zwischen den zwei extremen Positionen im Diskurs verorten. Ich plädiere für ein neues Paradigma: Nirgendwo zwischen Frauen zurück an den Herd und möglichst früh zurück in die Erwerbstätigkeit.

Erziehung hat immer ein bestimmtes Ziel und ein Bild vom Menschen.
Das Erziehugnsverständnis, welches diesem Aufsatz zu Grunde liegt – stark inspiriert von der Waldorfpädagogik – hat zum Ziel einen selbstbewussten und befähigten Menschen – heißt: einen Menschen, der sich bewusst ist über sich selbst und seinen individuellen Sinn im Leben kennt und der die Fähigkeiten hat, diesen seinen Weg zu gehen. Auf eine gewisse Art einen freien Menschen. Goethe hat es so beschrieben: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“.

Das bedeutet auch, dass Erziehung zwei gegensätzliche Pole in sich trägt: Hülle schaffen, Geborgenheit schenken, Urvertrauen in die Welt nähren und gleichzeitig die Autonomie zulassen, den Menschen als wirksam und selbst gestaltend an der Welt erleben lassen. Kinder brauchen Geborgenheit und liebevolle Bezugspersonen in einem geschützten und ihnen vertrauten Raum. Und sie brauchen Bewegungsräume und Menschen, die ihnen Autonomie zu sprechen und sie entwickeln lassen.

Erziehung ist eine Arbeit an der nächsten Generation, an der Zukunft unserer Gesellschaft, an unserer Welt. Das was wir an die jetzt kleinen Menschen herantragen, was wir in ihre Umgebung stellen, wird wirksam und gestaltend sein. Erziehung ist eine überaus verantwortungsvolle und schwerwiegende Aufgabe – egal ob professionell gedacht oder in der klassisch etwas abwertenden Bezeichnung als Hausfrauen-Tätigkeit zu Hause („Ich arbeite nicht, ich bin Hausfrau“). Erziehung ist immer wertvolle und notwendige Arbeit.

Kinder lernen durch uns. Sie nehmen uns als Vorbild.
Besonders das kleine Kind lernt, indem es nachahmt, was die Erwachsenen tun, auch was sie fühlen und wie sie damit umgehen und mit welchen Haltungen und Gedanken sie sich der Welt zuwenden. Sie nehmen auf, in welcher Stimmung wir etwas machen, übernehmen Werthaltungen von uns, die – vielleicht sogar unbewusst – in unserem Handeln wirken und sich zeigen. Kinder leben in unserer Seele, sie nehmen alles sensibelst auf was in ihrer Umgebung ist.

Das bedeutet auch, dass sie aufnehmen und nach ahmen wie wir tätig sind. Mit welcher Hingabe an die Welt oder mit welcher Distanz und Lustlosigkeit. Mit welcher Freude oder mit welcher Last. Ob wir selbst im Tun aufblühen oder ob wir eigentlich Kräfte verlieren am Tun und uns abnützen.

Was heißt es also, ein gutes Vorbild zu sein?
Kinder merken ob wir innere Fragen haben, ob wir wissen was wir wollen, ob wir authentisch sind. Sie ahmen unsere innere Geste des uns Entwickelns nach. Wie wir also unseren Weg gehen ist sehr ausschlaggebend. Nicht unbedingt vielleicht jedes Detail unseres Handels ist das was die Kinder nach ahmen, viel mehr die Art und Weise wie wir den Prozess in uns gehen. Gehen wir unseren Weg uns selbst gegenüber aufrichtig, lernen die Kinder diese Haltung und erleben und erlernen selbst aufrichtig mit sich selber ihren individuellen Weg zu gehen und zu ihm zu stehen. Ich wage an dieser Stelle zu sagen, dass diese Haltung das Werkzeug ist, um zur Freiheit zu gelangen. Jede und jeder zu seiner eigenen Freiheit.

Wenn ich als Mutter (oder Vater) mit der inneren Frage lebe: Was ist mein Geschenk für die Welt? Was ist mein Weg im Leben? Und wenn es mir gelingt meine Aufgaben zu finden, mit denen ich in die Welt wirken kann, dann werde ich Freude am Tun haben und diese Freude wird mein Kind wahr- und aufnehmen.

Was meine Form der Kinderbetreuung ist, kann nur ich entscheiden.
Ausschlag gebend ist die Frage an mich selbst: Was ist meine Aufgabe im Moment? Worin empfinde ich die größte Stärke und die größte Freude, den größten Tatendrang? Ist es lange bei meinem Kind zu Hause zu sein? Ist es auch eine andere Aufgabe, die ich nebenbei machen kann? Ist es dran, einer anderen Aufgabe nach zu gehen?

Sowohl Mutter, als auch Vater müssen sich jeweils diese Fragen stellen. Das Kind wird alles annehmen was die Eltern entscheiden und es wird sich gut entwickeln können, wenn die Eltern ein gutes Vorbild im oben beschriebenen Sinne sind. Wenn dies eintritt, ist es – das wage ich hier zu behaupten – egal ob das Kind (früh) in eine Einrichtung geht oder (lange) zu Hause bei einem oder beiden Elternteilen ist.

Das ist dann auch ein Partnerschaftsthema, wenn man von einer Familie mit zwei Elternteilen ausgeht. Selbstverständlich stehen Alleinerzieher_innen auch vor den soeben beschriebenen Fragen, ihre Situation ist natürlich eine etwas andere.

Angeregt von den Gedanken von Ulrich Meier[1] möchte ich hier ein Partnerschaftsmodell beschreiben, das ich als Voraussetzung sehe, dass sich Elternteile überhaupt diese oben genannten Fragen stellen können.

Ich kann Beziehung ergänzend leben, d.h. das was ich nicht kann kann der_die Partner_in. Zusammen sind wir dann quasi ein perfekter Mensch. In diesem Fall ist die Entwicklung eines Partners eine Bedrohung für die Beziehung, denn dann greift womöglich der_die eine in das Gebiet des_der anderen ein. Ich kann Beziehung auch auf Grund von Ähnlichkeiten leben. Was aber, wenn sich eine_r entwickelt und verändert? Das wäre bedrohend für das Miteinander. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, Beziehung als gegenseitige Begleitung zu verstehen: ich gehe meinen Weg und du gehst deinen Weg und wir sind jeweils Stützen, Impulsgeber_innen, Herausforderer, in-Frage-Steller und Mutmacher für einander.

Das zuletzt genannte Modell wäre die Grundlage für ein gemeinsames zeitgemäßes Elternsein, in dem sich jede_r die Fragen stellen darf, was im Hier und Jetzt die richtige Aufgabe ist.

Zeitgemäßes Elternsein braucht die freie Wahl.
Es ist unsere Aufgabe, uns auf die inneren Fragen ein zu lassen und für unseren Weg ein zu stehen. Das ist der eine Teil. Der andere besteht in den Rahmenbedingungen, die es uns mehr oder weniger ermöglichen unseren Weg zu gehen. Zeitgemäßes Elternsein ist weit entfernt von pauschalen Wegen irgendwo zwischen Frauen zurück an den Herd und dem möglichst schnellen Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeit. Zeitgemäßes Elternsein ist hoch individuell. Deshalb braucht es Rahmenbedingungen, die wirklich die Freiheit des Individuums ermöglichen. Ich kann als Mutter oder als Vater zu Hause bleiben, ich kann mich einer anderen Aufgabe widmen und jemand anderem zu einem Teil der Zeit die Aufgabe der Erziehung und Pflege übergeben, sprich mein Kind professionell von jemand anderem betreuen lassen. Ich brauche die freie Wahl der Art und Weise und des Zeitpunktes. Und dies am besten ohne finanziellen Druck, der meine Entscheidung schon vorgreift. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine ideale Rahmenbedingung.

Kinder haben das Recht auf Eltern mit Entscheidungsfreiheit.


[1] Meier, U.: Lust am Fremden. Unterwegs zu neuen Patnerschaftsmodellen. In: Glöckler, M./ Meier, U. (Hrsg.): Partnerschaft und Ehe verstehen und sinnstiftend leben. Esslingen: Gesundheitspflege initiativ, 2011.

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