Leben mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in nächster Form – ein passierter Selbstversuch

Vor einigen Jahren, noch studierend, überlegte ich mir, was ich zum Leben brauch, welche Elemente ich in meinem zukünftigen Leben haben möchte, wie ich leben will. So in fünf Jahren cirka.

Hinsichtlich finanzieller Versorgung schrieb ich aus einer Mischung aus Trotz, Provokation und Ratlosigkeit „BGE“ (Bedingungsloses Grundeinkommen) auf das Plakat. Es war mir klar, dass die ausgereifte Umsetzung dieses Modells nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre passieren wird. Vielleicht denken viele so und liegt darin der Grund warum’s nix wird…self-fullfilling-prophecy auf kollektiver Ebene sozusagen.

Okay, daran will ich mich jetzt nicht aufhängen, obwohl es genug Denk- und Beobachtungsstoff gibt. Von dem her, lieber lesender Mensch einfach nur die Anregung: Schau mal, wo wir uns mit Unglauben an Ideen individuell und kollektiv blockieren und noch besser: Wo wir durch Glaube individuelle wie kollektive Ideen lebendig werden lassen.

In meinem persönlichen Fall zum Beispiel wurde alles, was ich auf mein Plakat schrieb, Realität. Teilweise empfind ich die inzwischen gegebenen Elemente nun anders als ich sie mir vorstellte, aber sie sind erfüllt. Sagar das bedingungslose Grundeinkommen – halt in der Form, die dem noch am nächsten kommt: Dank Mindestsicherung und Notstandshilfe in einer unvermittelbaren Position mit kulanten AMS-Beratern und -Beraterinnen lebe ich recht gut.

Also, wenn ich mich darauf besinne, ist meine Existenz gesichert. Ich bin im Vertrauen, dankbar und kann mich voll meinem Sein und Tun widmen. Da erlebe ich den Genuss und die Befriedigung von der Möglichkeit aus mir heraus zu entscheiden, was und wie ich zur Gemeinschaft beitrage. Da sehe ich mich als Teil davon; nehme mein Wirken und Sein voll wahr in dem ich es tu und selbst anerkenn. Ich bin mit mir zufrieden und erlebe, wie mich andere in meinem direkten Umfeld anerkennen.

Wenn ich mich anders besinne, bange ich um meine Existenz. Da kommt dann der flaue Beigeschmack, dass ich eigentlich was anderes tun soll – Job suchen und vor allem einen haben nämlich. Weil dieses freie Tun darf eigentlich nicht sein, ist nur ein temporärer, notgedrungener Ausnahmezustand, der schnellst möglich abgewendet werden soll.

Erst wenn ich mein Sein und Tun in den Rahmen einer Lohnvertragsarbeit (LVA) bringe ist es tatsächlich, gerechtfertigte Anteilnahme an der Gesellschaft. Und nicht nur das: Es hat was Entlastendes in geregelter Struktur und umfassender, gesellschaftlich breit gestützter Anerkennung zu wirken.

BGE-Kompetenzen als Habitus

Ja und da frag ich mich dann schon auch, was ich auf meine Aussage, dass ich (Lohnvertrags-)Arbeit suche oft gefragt werde:

„Was suchst denn?“

Ja welchen Job suche ich denn? Wo kann ich mit meinen Qualitäten am Arbeitsmarkt wirken und mich gleichzeitig nicht vergeuden?

Da gibt’s keine klaren Vorstellungen.

Durch mein tatsächlich schon jahrelanges Arrangement mit dem Sozialstaat und großem Fokus auf ein Leben, das meiner Seele gut tut und der Verwirklichung von Träumen, blieben arbeitsmarkttechnisch verwertbare Kompetenzen und das nötige Selbstbewusstsein dafür auf der Strecke. Ich bin es gewohnt, meine Prioritäten nach Lust und Laune zu setzen. Das heißt nach der Laune der Stimmigkeit, meiner ideellen Wichtigkeit und Bedürfnisse. Ein wesentlicher Aspekt von für mich „zeitgemäßer Arbeit“. So hat die bewusste, intensive Pflege von Freundschaften und Mithilfe beim Hausbau von Bekannten, ehrenamtliches Mitwirken bei Vereinen, in denen ich Sinn sehe wie zum Beispiel durch das Schreiben von Texten zur Auseinandersetzung mit zeitgemäßer Arbeit, eine höhere Priorität als die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Genauso mein eigenes Versorgen mit Ruhe und die Vertiefung meines Wahrnehmungsvermögens zur Naturverbundenheit, also die Etablierung das Leben in umfassenderen Dimensionen wahrzunehmen. Zuerst schaue ich, dass dafür genug Raum ist – erst dann haben Aktivitäten für eine Lohnvertragsarbeit Platz. Im Grunde erfülle ich dadurch plädoyerartige Prognosen von diversen Intellektuellen, die sich mit Arbeit beschäftigten. Bereits John Maynard Keynes sah für 2028, dass der Mensch aufgrund der Technologisierung seine Freizeit frei vom ökonomischen Druck dafür mit einer solidarischen Achtsamkeit für zukünftige Generationen zu gestalten hat.[1] Oder Andre Gorz, Marianne Gronemeyer, Frigga Haug, Dieter Kramer, Erich Ribolits und viele andere, deren Aussagen davon geprägt sind, dass die Aufrechterhaltung des konventionellen LVA-Marktes die Menschen davon abhält ihr Potenzial weiter zu entwickeln und es einen differenzierten Zugang zum Leben braucht. Sorge um sich selbst sowie Berücksichtigung der umfassenden Auswirkungen und Einbettung seiner Tätigkeiten spielen dabei eine wesentliche Rolle.[2]

Meine Erfahrung zeigt: Ich kann gar nicht anders. Es ist mein Habitus. Tatsächlich von meinem alternativen Eltern mitgegeben und eben bereits lange praktiziert. Also: Wenn bei Gewährleistung von Zeitverbringung nach meinen Werten und Bedürfnissen noch Zeit bleibt, wenn es sich dann noch gut ausgeht, dann sag ich bei einer Verpflichtung zu, wo der Geldverdienst meinen immateriellen Nutzen übersteigt. Würde ich, wenn es so wäre. Ist mir aber nun schon lange nicht mehr passiert. Eher war es so, dass ich einen Job nicht angenommen hab, weil mir diese höheren Prioritäten eben wichtiger waren.

Also nehme ich tatsächlich schon die Entscheidungsmöglichkeit, wie sie einen angeblich ein bedingungsloses Grundeinkommen bieten sollen, wahr und hab einen dementsprechenden Umgang mit dem Alltag etabliert.

Ehrlich, es ist die relativ hohe Notstandshilfe die mir diese Freiheit gibt. Eben BGE in nächster Form. Großes Danke an diese Möglichkeit des Sozialstaates und, dass es in meinem Leben so passiert ist! Wohl gemerkt trägt meine Genügsamkeit, die mich auf ein Auto, regelmäßige Neuanschaffungen und der gleichen leicht verzichten lässt.

Ja, wenn ich mich darauf besinne spüre ich auch ein Vertrauen, dass das schon so sein darf, ja sogar so sein soll. Schließlich braucht es für zeitgemäße Arbeit ja auch die Entwicklung des Vermögens der freien Entscheidung wo und wie sich zu engagieren, den Selbstwert nicht von einer Teilnahme am LVA-Markt abhängig zu machen, für sein Seelenwohl dabei gut zu sorgen und im global ökologisch Sinn auch eine gewisse Bescheidenheit. Zeitgemäße Arbeit ist also eine Herausforderung an uns LVA-geschulten Menschen, die nicht zu unterschätzen ist. Also in hoher Selbstwertschätzung gesehen bin ich so was wie eine Pionierin mit latenter Vorbildfunktion!

Die andere Seite der Medaille – genauso Realität

Schön wär’s in dieser Selbstsicherheit zu leben. Doch da gibt’s die andere Besinnung. Die ist gut, um bescheiden zu bleiben und die gleichzeitig den Eindruck Pionierarbeit zu leisten verstärkt: Ich lebe eben nur in einer „fast-BGE-Situation“, weil eben nicht alles eine „g’mahde Wies’n“ ist. Als Pionierin mähe ich die Wiese – wenn auch zum Glück nicht alleine.

Das heißt: Da ist der Druck und die Angst Notstandshilfe wie Selbstwertschätzung zu verlieren. Weil die Gesellschaft und so auch ich als Teil davon anders ticken. Eben mit der Notwendigkeit von und der Lebensorientierung an einer LVA.

Da kommen dann innere Gedanken, die meinen, dass ich mich darauf vorbereiten muss, einen dichten Tag mit Job, Engagement nach meinen Prioritäten und Selbstpflege zu haben. Weil die konventionelle Realität es eben vorsieht, dass ich doch einen ordentlichen Job hab. Sei es selbständig oder wo angestellt. Verstärkt werden diese Gedanken dadurch, dass viele Menschen diese intensive Kombination leben – vor allem die Kombi von Job und Engagement.

Und ich frag mich: Wie machen die das??!! Ja, schon klar, Struktur, was ein LVA-Job meist mit sich bringt, macht Ressourcen frei. Gleichzeitig sagte mir eine Freundin, die so ein dichtes, sehr engagiertes Leben hat, als ich meine Gedanken als Wunsch auch aktiver zu sein äußerte: „Nein, das willst du nicht, glaub es mir.“ Sie meinte damit, dass sie eben mit einer dementsprechenden Lebensgestaltung stark an und oft über ihren Grenzen ist.

Passt zu dem, dass ich ebenso wie ich meine Gedanken, die mir sagen, dass ich hohes Engagement und Job in Zukunft zusammenbringen sollte, höre, immer wieder ein Stoppschild spüre. Eine Blockade, wenn ich versuche eine Verpflichtung gegen Geld umzusetzen. Von innen ein Widerstand und von außen Absagen, weil schwer jemand was mit meinem unkonventionellen Lebenslauf anfangen kann. Das verstärkt dann die inneren Blockaden und ein schwieriger Dominoeffekt nimmt seinen Lauf:

Wenn das Selbstbild der Pionierin kleiner wird kommt mir vor, ich nehme an der Welt nicht teil. Ich erkenne die Qualität meines alltäglichen Wirkens nicht mehr. Auch, weil es viel Kraft kostet mit so einem BGE-Habitus zu leben und ich da viel Seelennahrung, Selbstpflege brauch und dann wenig Ressourcen habe, um die Welt aktiv nach meinen Ideal mit zu gestalten. Und dadurch kommt es mir noch mehr vor, dass ich im Abseits steh und mir die Welt nur anschaue. Je länger ich da stehe macht sich der Eindruck breit, die meiste Zeit meines Lebens da gestanden zu haben. Frust und das Gefühl gescheitert zu sein macht sich dann breit. Traurig fühlt sich das an, wodurch es wieder schwieriger wird Perspektive zu wechseln, um sie nicht zu sehr Realität werden zu lassen.

Fortsetzung folgt…..

 


Titelhintergrundbild: Steve Johnson – vielen Dank für’s Malen und die Verwendungserlaubnis!

[1] Keynes, John Maynard (1930): Economic Posibilities for our Grandchildren, S. 5 und S 6f. online im www unter URL http://www.econ.yale.edu/smith/econ116a/keynes1.pdf [01.08.2018]

[2] Gorz, André (2010): Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft, Berlin: Rotpunkt
Gronemeyer, Marianne (2005): Wenn uns die Arbeit ausgeht, in: Exner, Andreas u.a. (Hg.): Losarbeiten – Arbeitslos? Globalisierungskritik und die Krise der Arbeitsgesellschaft, Münster: Unrast, S. 132-143
Gruber, Sabine / Haug, Frigga / Krull, Stephan (Hg.) (2010a): Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit, Hamburg: Argument
Kramer, Dieter (2003): Was kommt nach dem Ende der Vollerwerbsgesellschaft?, in: Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur. Kultur der Arbeit – Kultur der neuen Ökonomie. Kulturwissenschaftliche Beiträge zu neoliberalen Arbeits- und Lebenswelten, Sonderband 4, S. 49 – 71
Ribolits, Erich (2003): Arbeit macht nicht frei!, o. S., online im www unter der URL http://www.streifzuege.org/2003/arbeit-macht-nicht-frei [16.11.2012]

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