„Du musst dich nicht messen“ – Interview mit Dota Kehr

Im Januar traf ich Dota Kehr zu einem Interview in München. Die Liedermacherin gab ein Konzert im Ampere. Ironischerweise wäre genau das Thema, um das sich unser Gespräch zu Beginn drehte, am Ende fast seiner Veröffentlichung im Weg gestanden. Nun ist es doch soweit.

Im Interview erzählt Dota von ihrem persönlichen Weg von der Medizin zur Musik, was sie an ihrer Arbeit als Künstlerin liebt – und was weniger. Sie philosophiert über den Reiz eines bedingungslosen Grundeinkommens, aber auch über die Konflikte, die es verschärfen könnte. Dota erklärt, warum sie eine „Erlösung“ von hohen Erbschaften für sinnvoll hält. Und wir sprechen über den Umgang mit (und die Erziehung zur) Freiheit.

Seinen Ausgang nimmt unseres Gesprächs jedoch von dem Lied Du musst dich nicht messen. Laut Dota adressiert das Lied einerseits die kapitalistische Verwertungslogik, andererseits den Konkurrenzdruck ganz allgemein. Das „Sich-beweisen-und-vergleichen-Müssen“ habe längst Einzug ins Private gehalten. Sei es in so unterschiedlichen Bereichen, wie im Lernen, in Dating-Apps und im Beziehungsleben, oder im Teilen von Urlaubsfotos in Sozialen Medien – die Dynamik des Sich-Vergleichens ziehe immer weitere Kreise. Damit einher gehe die Verknüpfung des eigenen Selbstwertgefühls mit dem, was von außen an uns heran getragen wird. Dota betont, dass es ihr selbst oft nicht leicht falle, sich davon zu lösen. „Ich schreibe solche Lieder, weil ich mir wünsche, mich davon zu befreien, nicht, weil ich‘s irgendwie könnte, oder schon gemacht hätte.“

Zwei Tage später sitze ich vor meinem Computer und höre mir den Mitschnitt des Interviews an. Mein Inneres zieht sich zusammen; ich zähle meine „Ähms“ in der Eingangsfrage; mir fällt auf, wie sehr ich ins Stocken komme und wie hörbar meine Aufregung ist; ich kann meine eigene Stimme nicht hören; Scham steigt in mir auf. Mein innerer Kritiker ist in Höchstform: „Warum bildest du dir überhaupt ein, dass du Interviews führen könntest!? Das kannst du offensichtlich nicht. Du bist viel zu unsicher. Du stellst keine guten Fragen. Wer bitte soll sich für das Interview interessieren, das du geführt hast!? Es hat schon seinen Grund, warum Interviews sonst von Profis geführt werden. Das kannst du nicht im Ernst veröffentlichen wollen. Da hast du dich wieder einmal übernommen. Wie peinlich, dass du die Zeit von Dota Kehr in Anspruch genommen hast. Wie konntest du dir nur einbilden, dass du in dieser Liga spielen kannst!?“

Bewaffnet mit der Messlatte meiner eigenen Anspüche, stoße ich mich einmal mehr in Selbstzweifel. Obwohl es Dota so schön singt (Du musst dich nicht messen), obwohl wir im Interview darüber reden und obwohl ich mich selbst schon mit diesem Thema beschäftigt habe, passiert es mir wieder: Ich messe mich. Ich zweifle an mir. Niemand im Außen hat mich kritisiert. Ich kritisiere mich vorsorglich selbst. Um einer befürchteten Blamage im Außen zu entgehen, blamiere ich mich selbst – mit einer Härte, die mir in der realen Außenwelt wohl nicht so schnell entgegenkommt.

Das tückische an meiner Arbeitssituation: Niemand sagt mir, dass ich das Interview veröffentlichen muss. Ich bin mein eigener Chef. Ich kann die Aufnahme einfach „in der Schublade verschwinden lassen“ und meiner Scham aus dem Weg gehen. Genau dieser Versuchung bin ich jetzt fast ein Dreivierteljahr erlegen. Wohl haben mich manchmal Leute, die von dem Interview wussten, danach gefragt. Ausweichend und aufschiebend habe ich es geschafft, auch diese Erinnerungen aus dem Weg zu räumen. Im Laufe des Frühlings und Sommers war das Interview erfolgreich in Vergessenheit geraten. Bis ich im September noch einmal erinnert wurde.

Ich hatte gerade begonnen, den Text „Wie arbeitest du, wenn du scheitern darfst?“ zu schreiben, als ich eine Nachricht von einer lieben Freundin erhielt: „Hast du nicht mal Dota interviewt? Ich hab erst kürzlich mein erstes Lied gehört, hab mich verliebt, „Wo soll ich suchen“ gekauft und bin restlos begeistert! Wie kann ich euer Interview finden?“ Ich fühlte mich ertappt. Doch diesmal wurde mir auch bewusst, wie sehr das Interview zur Thematik des Scheiterns passt – sowohl was den Gesprächsinhalt, als auch meinen eigenen Prozess damit betrifft. Wäre es nicht heuchlerisch, die Bedeutung des Scheiterns zu predigen und selbst meine Arbeit zu verstecken, weil sie mir nicht perfekt genug erscheint? Ich entschied mich, das Interview zu veröffentlichen. Als ich mir das Interview daraufhin wieder anhörte, war ich überrascht. Das Interview erschien mir nun bei Weitem nicht mehr so katastrophal, wie ein paar Monate zuvor. Klar fand ich auch jetzt nicht alles daran gut, jedoch konnte ich es gleichzeitig wertschätzen – konnte mich wertschätzen. Die Entscheidung, mich mit meiner Unzulänglichkeit und Unsicherheit zu zeigen, hatte mich wohlwollender mir selbst gegenüber gestimmt. Ich schrieb jener Freundin, was das Interview bei mir ausgelöst hatte und erhielt die ermunternde Antwort: „Bring es in die Welt! Und der innere Prozess dahinter ist ja auch für viele ähnlich…“

Meine Unzulänglichkeiten zeigen – Vorwort zum Interview

Interview Dota Kehr

DOTA – Du musst dich nicht messen


Foto: Annika Weinthal

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