Antworten entstehen in dem wir sie gehen – oder kochen

Das Resümee der letzten beiden Texte: Mir hat sich eine ordentliche Frustsuppe zusammengebraut. Eine Frustsuppe aus folgenden Zutaten (falls sie jemand nachkochen will; ist aber nicht unbedingt empfohlen):

  • Verzweiflung an der Gesellschaft auf Grund der destruktiven Auswirkungen des menschlichen Seins, welches stark durch das Tätigsein am Lohnvertragsarbeitsmarkt (LVAM) aufrecht gehalten wird; dies hilft jegliches Tun sinnlos erscheinen zu lassen.

  • Unlust sich marktwirtschaftlich zu verkaufen

  • Allgemein ein unverschämtes Lohnniveau mit unzureichender Bezahlung; vor allen Dingen für Arbeiten, die wenig zu einer harmonischeren Welt beitragen oder eben sehr wichtig sind und nicht dementsprechend wertgeschätzt werden

  • Viel zu hohe Stundenausmaße am LVAM

Dann kommen noch ein paar besondere Gewürze aus der ganz privaten Kiste hinzu, die der Suppe einen besonders bittern, lang anhaltenden Nachgeschmack geben:

  • Die Erkenntnis, dass ich nicht versiert (up to date und ausgereift) mit meinen Ausbildungen, meinem Wissen und Interessen bin, um wo arbeiten im Sinne von „effektiv beitragen“ zu können.

  • Die erdrückenden Gedanken, dass ich für Menschen, die meinen Interessen und Werten entsprechen und zu denen ich eine gewisse Zugehörigkeitssehnsucht habe, als anstrengende Energiezehrerin empfundne werde. Durch diese Gedanken erschwere ich es mir in dementsprechenden Kreisen entspannt zu sein und kann nicht gelöst mit meinem Sein zur Gemeinschaft beitragen. Damit erfülle ich mir selbst die Befürchtung gestelzt und schwer zu wirken und stärke mir diesen Glauben. Das wiederum macht mich traurig und macht’s noch schwieriger mich selbst wert zu schätzen.

  • Die Erfahrung, dass die bewusste Arbeit an mir, um meine Blockaden und eben diese Glaubenssätze zu lösen, nicht den erhofften Effekt hatte.

  • Die Erfahrung, dass ich es mit meiner Konstitution anscheinend nicht schaffe mich aktiv und verlässlich in einem für mich befriedigendem Ausmaß für Alternativen einzusetzen.

Das ultimative Geschmackserlebnis bekommt die Suppe durch ein Sahnehäubchen aus Reue über mein bisheriges Leben, aufgeschlagen mit der Angst, dass es in Zukunft dadurch für mich nur noch schwieriger wird.

Nach dem Essen….

So eine Frustsuppe ist ziemlich schwer verdaulich. Deswegen ist das Resultat daraus eine Art Resignation – „Ruhe haben wollen“ bis hin zur Flucht ins „nichts Wollen“. So, wie es eben nach schwer verdaulichem Speisen ist.

Für mich bedeutet dies Rückzug in einen mir kreierten, gemütlichen Raum oder durch die Landschaft zu streifen. Es heißt ja auch „Nach dem Essen sollst du ruh’n oder tausend Schritte tun“…So schweife und schwelge ich, abseits von Überlebensnotwendigkeiten und physischer Versorgung, herum; ganz im Erleben von Eindrücken und Gefühlen und außerhalb der Konfrontation mit den Anforderungen an die monetäre Welt. Einfach nur schauen, einfach nur gehen, einfach nur wahrnehmen, ohne Ansprüche etwas zu entwickeln, einfach nur sein. Abgeleitet davon ist dies auch meine erste Antwort auf die Frage, was ich arbeiten – gleichgesetzt mit „tun“ – würde, wenn für mein Auskommen gesorgt ist.

Unbehagen erfüllt mich bei dieser Antwort. Weil es nicht dem Ideal entspricht, dass Menschen bei ausreichendem, bedingungslosem Grundeinkommen trotzdem arbeiten. Meine Antwort spielt sogar der Befürchtung, dass vielleicht sogar niemand mehr arbeiten würde, zu. Gleichzeitig erkenne ich, dass die Antwort auf diese visionäre Frage aus meinem aktuellen Sein heraus kommt. Die dafür maßgeblichen Ideen und Bedürfnisse sind demnach aus der Situation gewachsen, die ich in den vorhergegangenen Texten geschildert habe.

Wie aussagekräftig ist meine Antwort also für die Vorstellung, dass für mein Auskommen gesorgt ist? Ein Leben im Bewusstsein, dass für mein Auskommen gesorgt ist, ist mir dermaßen unbekannt, dass ich nicht davon ausgehen kann darin die gleichen Bedürfnisse, Interessen und Lebensvorstellungen zu haben wie jetzt. Die einzig vergleichbare Erinnerung, auf die ich zurückgreifen kann, um mir diese Vision vorzustellen, ist die an die Kindheit. Hier brauchte ich mich nicht um die physische Lebensabsicherung kümmern – ein klassisches Merkmal einer Kindheit der 1980er. Für mein Auskommen wurde gesorgt und ich musste nicht einmal viel im Haushalt mithelfen. Schon gar nicht weil es wirtschaftlich notwendig war. Und was tat ich da? Träumen – von Pferden und davon, gemeinsam mit ihnen in Verbundenheit durch die Landschaft zu streifen! Hmm…..noch mehr Unbehagen. Oder ein Indiz dafür, dass darin mein Beitrag, meine Aufgabe und mein Geschenk liegen?

Ist das meine zeitgemäße Arbeit? Ist das Leben meiner Flucht(versuche) aus der konventionellen Realität mein Geschenk?

Eine Frage des Vertrauens

Ja, die Menschheit braucht Besinnung und Weichheit. Mehr achtsames Wahrnehmen in Ruhe. Glaub ich halt. Und gleichzeitig braucht die Menschheit materielle Versorgung. Die soll gewährleistet sein und das geschieht durch Arbeit, nach klassischer Vorstellung: Menschen produzieren Güter, angefangen von Lebensmittel bis Gebrauchsgegenstände, die sie zum Leben brauchen. Also macht sich in mir ein schlechtes Gewissen breit, wenn ich mich am wahrhaftesten fühle, unbedarft durch die Landschaft zu streifen während ich mir meiner Versorgung sicher bin. Schließlich sollte ich ja etwas zur Versorgung beitragen, wenn ich will, dass sie gewährleistet ist und selbst davon auch nutznieße. Strebe ich deswegen danach, mich der Härte des konventionellen, von Dichte und Aktivität gezeichneten Lebens, hinzugeben, obwohl ich mich wo anders hinziehe? …obwohl mich die Suche nach meinem Geschenk mir zeigt, dass ich etwas anderes brauche, um es zu leben? Dieses schlechte Gewissen kommt ja vordergründig aus dem generierten Arbeitsethos heraus. Dieser ist aber nicht mehr zeitgemäß, wie oben beschrieben. Abgesehen davon wird die meiste Arbeit von Maschinen erledigt. Also liegt mein Beitrag zur Gesellschaft darin dem Müßiggang wieder mehr Raum zu geben? So wie es Frederick, der Mäuserich tut, indem er im Winter die anderen Mäuse mit Meditationen und Geschichten versorgt. Diese sammelte er auf seine Arte während die anderen körperlich damit beschäftigt waren sich um den Wintervorrat zu kümmern.1

Ein berühmtes Zitat von Dalai Lama weist eben so darauf hin, dass es mehr von Besinnlichkeit braucht.

Der Planet brauch keine erfolgreichen Menschen mehr.
Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler,
Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten.2

Nur: Ist dies als Beitrag auch erfüllt, wenn ich mich aus Frust, Resignation und Flucht auf diesem Weg der Besinnlichkeit bewege? Ohne einen weit reichenden, bewussten Multiplikationseffekt zu haben? Wenn er mir sozusagen einfach passiert und ohne, dass andere etwas direkt davon haben?

Um hierauf mit „Ja“ antworten zu können, braucht es einen hohen Selbstwert und vor allem Vertrauen – was wohl sehr eng miteinander verbunden ist. Gleichzeitig will ich etwas nicht nur leben, weil es mir passiert ist; weil mir eine Frustsuppe passiert ist. Genug davon! Für eine frische, vitalisierende, g’schmackige Suppe braucht es noch mal eine Portion Vertrauen. Damit ausgestattet ist es möglich mit meiner Person, meinen Fähigkeiten und Ansichten nach Außen zu gehen. Nur so kann ich den ersehnten und befriedigenden Austausch sowie Resonanz- und eventuell Multiplikationseffekt haben.

Mir scheint das Thema „Vertrauen“ ein sehr wichtiges in der aktuellen, industriell, technisch-digital organisierten Gesellschaft. Da immer mehr Aufgaben von Maschinen und Computer übernommen werden und es immer mehr Abhängigkeiten gibt, verlieren die Menschen im Kollektiv latent an Glauben an die menschliche und individuelle Selbstwirksamkeit. Hinzu kommt die durch mediale Betonung verbreitete Angst. Dadurch wird das Vertrauen ins Leben an sich vermindert. Angeblich prägte das Sein von Jäger und Sammlerkulturen – eine Versorgungsform, die der Mensch bisher länger praktizierte als Landbau und Handel3 – ein verankertes Bewusstsein von ausreichendem versorgt Sein.4 Etablierte Fähigkeiten und das Wissen sich aus und mit der direkten Natur zu versorgen gab Vertrauen in den allgegenwärtigen Überfluss: Was es zum Leben brauchte war da und wird immer wieder kommen. Und wenn es mal nicht so fette Perioden gibt, dann ist es halt so. Die gehören dazu und sind kein Grund für Frust und Angst. Es ist eine tiefe Naturverbindung, die derartige Gesellschaften physisch wie psychisch nährt(e). Dazu fällt mir Balu, der Bär in der anthropomorphen Disneyversion vom Dschungelbuch ein, wie er davon singt, dass „The bare necesseties“, die bloßen, lebensnotwendigen Güter, allgegenwärtig sind und es einen ermöglichen, das Leben in Gemütlichkeit zu leben.

Ist es also die Sehnsucht nach einem urmenschlichen Vertrauen ins Leben an die ich da andocke, die sich in mir rührt? Womöglich sogar eine Sehnsucht nach dem Paradies? Können wir uns dieses Paradies mit Vertrauen kreieren oder ist es Tatsache, dass wir – biblisch formuliert – aus dem Paradies vertrieben wurden und eben im Schweiße unseres Angesichts unser Dasein leben müssen? Ich glaube es ist keine Frage von entweder oder – sondern:

Eine Frage des Commitments

Damit das Kochen einer g’schmackigen, Kraft gebenden Suppe gelingt, braucht es zu dem Vertrauen noch ein Herz voll Commitment.

Mit „Commitment“ meine ich eine innere Standhaftigkeit, Überzeugung und Hingabe mit der ich mich etwas und jemanden gegenüber verpflichte. Verpflichte ich mich aus innerer Überzeugung und mit Vertrauen ist es leichter auf der Spur zu bleiben. So ein Commitment gibt Rahmen und Kraft, um auch dran zu bleiben, wenn es in der Verfolgung eines Vorhabens mal schwieriger wird. Wenn es einen mal nicht freut und wenn doch einige nach Frust schmeckende Zutaten in die Suppe fallen.

Und das wird ziemlich sicher auch passieren, wenn für das individuelle Auskommen gesorgt ist. So ist es ja nicht, dass damit alle Probleme vom Tisch wären! Nein, fast sogar im Gegenteil! Wäre tatsächlich auf gesellschaftlicher Ebene für das Auskommen gesorgt, bedeutet dies eine allgemeine Neuorientierung und Suche nach neuen Parametern, um tatsächlich zufrieden leben zu können. Schließlich sinkt damit die Bedeutung des Lohnvertragsarbeitsmarktes hinsichtlich Bestätigung, Notwendigkeit, Sinnstiftung und Statusvergabe. Also werden die Menschen mehr darin gefordert sein sich auch ohne der Identifikationsinstanz neu zu definieren. Somit schon auch ein bisschen „im Schweiße unseres Angesichts.“

Schaue ich auf meine Frustsuppe und meinen passierten Selbstversuch, in welchem ich den oben erwähnten Instanzen bereits weniger Wert gebe, erkenne ich, dass ich einigen Inhalten von Oliver Jeges Definition der Genration maybe5 entspreche und entnehme, dass ich damit nicht alleine bin.6 So ein „maybe“ widerspricht dem Vermögen ein Commitment einzugehen – sich in Vertrauen und Verpflichtung hinzugeben, sich klar zu bekennen, etwas in Angriff zu nehmen und durchzuziehen.

Ja, ich erkenne meinen nächsten Schritt, um der Antwort, was ich arbeiten würde, wenn für mein Auskommen gesorgt ist, näher zu kommen darin, mich aus dem „maybe“ zu lösen. Weil unabhängig davon, ob mein Raum Geben von Müßiggang, Schauen und Schweifen eine Verdauungsreaktion auf die Frustsuppe ist und darauf andere Motivationen folgen oder ich mich tatsächlich dem Müßiggang verschreiben will, braucht es ein klares Bekenntnis dazu. Und das darf ich lernen

_________________________________________________

Danke an Steve Johnson für das Hintergrundbild des Titels

1 Vgl. Lionni, Leo (1985): Frederick, Beltz, 2017

3 Vgl. Paeger, Jürgen online im www unter der URL: http://www.oekosystem-erde.de/html/erfindung_landwirtschaft.html [25.11.2018]

4 Vgl. Sahlins, Marshall, 1968 “The Original Affluent Society” (abridged) in: Solway, Jacqueline (Hg.), 2006: The Politics of Egalitarianism: Theory and practice, New York: Berghahn Books S. 79.98 online unter der URL: http://www.vizkult.org/propositions/alineinnature/pdfs/Sahlin-OriginalAffluentSociety-abridged.pdf [26.11.2018]

5 Jeges, Oliver (2014): Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche, Berlin: Haffmans und Tolkemitt

6 Obwohl ich mich davon distanziere, dass es auf alle um 1980 geborenen in den neoliberalen entwickelten Ländern zutrifft.