Zukunft der Arbeit?

Viel ist in letzter Zeit zu hören über die Zukunft der Arbeit. Roboter und Algorithmen sind zunehmend in der Lage, unsere menschliche Arbeitskraft zu ersetzen. Nicht nur mechanische Tätigkeiten lassen sich automatisieren, auch immer mehr kognitive Aufgaben können schneller, zuverlässiger und kostengünstiger von lernfähigen, miteinander vernetzten Maschinen erledigt werden. Fast die Hälfte aller Arbeitsplätze könnte in den nächsten 20 Jahren davon betroffen sein[1]. Ob es möglich sein wird, diese massiven Jobverluste durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu kompensieren, ist äußerst umstritten. Außer Frage steht, dass in naher Zukunft große Veränderungen auf die Arbeitswelt zukommen. Dass über die Zukunft der Arbeit geredet wird, sollte uns jedoch zu denken geben. Anstatt Zukunftsanalysen zu erstellen, wären wir gut beraten, unseren Blick für die Gegenwart der Arbeit zu öffnen. Alles was wir brauchen, um zum Kern der Sache vorzudringen, zeigt sich im Hier und Jetzt.

Wir stehen vor einer gewaltigen Hürde, die uns bei der Verwirklichung zeitgemäßer Arbeit im Wege steht. Trotzdem erkennen wir sie kaum als solche; sie hat etwas selbstverständliches. Wir haben uns an die enge Kopplung von Einkommen und Arbeit gewöhnt. Das vorherrschende Bild: Wir gehen in die Arbeit, um Geld zu verdienen. Wenn wir unsere Arbeit obendrein auch noch sinnvoll finden, ist das schön und gut. Sinnvoll alleine reicht jedoch nicht. Denn ohne Einkommen fängt es an, schwierig zu werden – da kann eine Arbeit noch so sinnvoll sein. Diese Verquickung von Einkommen und Arbeit hat gravierende Folgen:

  • Wir verlieren die Motivation: Laut einer aktuellen Gallup-Studie für den deutschen Arbeitsmarkt machen 70 % aller Arbeitnehmer_innen nur mehr Dienst nach Vorschrift, 15 % haben innerlich gekündigt[2]. Wenn Existenzangst zum Hauptgrund wird, einen Job zu behalten, ist das sowohl unmenschlich als auch unwirtschaftlich.
  • Die Wirtschaft muss wachsen – koste es was es wolle: Wir werden immer produktiver, d.h. wir brauchen jedes Jahr weniger Arbeitsstunden, um die selbe Menge zu produzieren. Um die Arbeitslosigkeit nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, produzieren wir jedes Jahr mehr. Damit diese Strategie funktioniert, dürfen wir nicht in Frage stellen, ob uns „immer mehr“ wirklich glücklicher macht – ebenso wenig welche Umweltschäden dadurch entstehen.
  • Was nichts kostet, ist nichts wert? Wie selbstverständlich denken wir an Erwerbsarbeit, wenn von Arbeit die Rede ist. Dabei vergessen wir allzu leicht, dass mehr als die Hälfte aller geleisteten Arbeit unentgeltlich erfolgt[3]. Kinderbetreung, Pflege, Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Tätigkeiten sind Beispiele, die verdeutlichen, dass Menschen sinnvolle und notwendige Arbeit leisten, selbst wenn sie dafür nicht finanziell entlohnt werden. Unter den gegebenen Spielregel wird unbezahlte Arbeit jedoch erschwert.

Jeder Mensch braucht ein Einkommen – bedingungslos – nicht weil wir arbeiten gehen, sondern damit wir überhaupt arbeiten können. Das ist der Schlüssel, der feine Unterschied, auf den es ankommt. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die aus innerem Antrieb arbeiten. Existenzangst als „Motivation“ ist nicht mehr zeitgemäß. Viele Generationen vor uns waren mit materiellem Mangel konfrontiert. Dieses Kapitel unserer Geschichte ist beendet. Wir leben im Überfluss. Es ist genug für alle da – wir müssen uns nur so organisieren, dass alle daran teilhaben können. Die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind sozialer Art. Diese Herausforderungen können wir nicht lösen, indem wir „Dienst nach Vorschrift“ machen. Mehr denn je brauchen wir Menschen, die tun, was sie wirklich tun wollen. Es geht längst nicht mehr um Quantität. Es geht um Qualität.

Die Arbeit geht uns nicht aus – das ändert sich auch mit den Robotern nicht. Solange es Menschen gibt, werden wir menschliche Fähigkeiten brauchen. Es wird aber immer wichtiger, „Arbeit“ in unserem Denken vom Begriff der Erwerbsarbeit zu lösen. Es ist nicht die Aufgabe der Wirtschaft, Arbeitsplätze zu schaffen. Die Wirtschaft ist dazu da, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen – nicht mehr und nicht weniger. Dabei hilft uns das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder Mensch braucht ein Einkommen und wir brauchen Menschen, die arbeiten. Jedoch lässt sich nicht jede Arbeit sinnvoll in ein Erwerbsarbeitsverhältnis pressen. Das Grundeinkommen nimmt die Auseinandersetzung vorweg, die in einer nicht allzu fernen „Zukunft der Arbeit“ auf viele Menschen zukommen wird – auf die Busfahrerin, deren Job von einem selbstfahrenden Fahrzeug übernommen wird; auf den Journalisten, statt dem ein Computerprogramm den Artikel schreibt. Der technische Fortschritt befreit uns von vielen herkömmlichen Arbeiten. Er legt menschliches Potential frei. Ein bedingungsloses Grundeinkommen lässt alle Menschen an dem (zunehmend) von Maschinen produzierten Wohlstand teilhaben. Damit ermöglicht es, dass sich das frei gewordene menschliches Potential auch entfalten kann.

Wo werden meine Fähigkeiten gebraucht? Was will ich arbeiten (nicht weil ich muss, sondern weil ich kann)? Wenn es eine Erwerbsarbeit ist, mit der du dir etwas zum Grundeinkommen dazu verdienst – schön! Wenn es eine unbezahlte Arbeit ist – auch gut! Die Entscheidung, was du sinn- und freudvoll findest, kann dir niemand abnehmen. Je früher wir uns in diesen Fragen üben, desto besser. Sie stärken unseren Umgang mit Sinnkrisen, mit denen wir in der „Zukunft der Arbeit“ vermehrt konfrontiert sein werden. Immer wieder werden wir erfahren, dass wir für Aufgaben, die wir bisher in unserem Leben erfüllt haben, nicht mehr gebraucht werden. Dann sind wir gefordert, immer wieder aufs Neue zu erkunden, welche Arbeit heute zeitgemäß ist.

Nachdenken über die Zukunft ist wichtig; arbeitsfähig sind wir nur im Hier und Jetzt. Dazu brauchen wir eine ungetrübte Wahrnehmung dafür, wo unsere Fähigkeiten gebraucht werden. Und wir brauchen ein Einkommen, das uns ermöglicht, diese Arbeit auch zu tun. Es ist Zeit für zeitgemäße Arbeit!


 

[1] Zu diesem Ergebnis kommt eine Oxford-Studie über die Zukunftsaussichten von über 700 Berufsgruppen auf dem US-Arbeitsmarkt: Frey, C. B.; Osborne, M. A. (2013): The future of employment. How susceptible are jobs to computerisation? S. 38. http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

[2] Gallup (2017): Engagement Index Deutschland 2016, S. 17. http://www.gallup.de/file/184010/Praesentation%20zum%20Gallup%20Engagment%20Index%202016.pdf

[3] Statistik Austria (2009): Zeitverwendung 2008/09. Ein Überblick über geschlechtsspezifische Unterschiede, S. 34. https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/4/7/6/CH1553/CMS1465833348718/zeitverwendung_2008_09_barri_25887.pdf